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Interview mit Olivier Laffitte: Rechtsdokumentation ist grundlegend für die Valorisierung eines Windkraftprojekts

19. Oktober 2017 | Drooms Germany

Olivier Laffitte ist Partner der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing, wo er die Ressorts Öffentliches Recht, Projekte und Energie leitet. In diesem Interview spricht er über die wichtigsten Trends im Bereich erneuerbarer Energien in Frankreich und Europa sowie über die zentrale Rolle der Rechtsdokumentation.


  • Welche Haupttrends beobachten Sie in der Industrie für erneuerbare Energien?

Von meinem Standpunkt aus gibt es derzeit vier eindeutige Trends. Der erste ist die Globalisierung. Früher konzentrierten sich die französischen und europäischen Betreiber erneuerbarer Energien vor allem auf die europäischen und punktuell auch die nordafrikanischen Märkte, wogegen sie heute ihre Horizonte auf Asien, Lateinamerika und den Rest der Welt ausweiten. Trotz örtlicher Unterschiede, vor allem bei der Preiskonfiguration und den politischen Unterstützungsmaßnahmen, die Anpassungen erfordern, bestätigt sich diese Entwicklung sowohl für große Betreiber als auch für mittlere und kleine Strukturen.

Ein zweiter Trend, den ich besonders im Sektor erneuerbarer Energien täglich beobachte, ist die Veränderung des Geschäftsplans. Die Branche hat lange von regulierten Einspeisungsvergütungen und staatlichen Investitionsförderungsmaßnahmen profitiert, die zur Entwicklung des Sektors gewährt wurden. Mit der Einstellung dieser öffentlichen Beihilfen jedoch müssen die europäischen Akteure ihr Geschäft künftig an den Marktpreisen ausrichten, die sich heute in einem wettbewerbsintensiven Umfeld entwickeln und somit je nach Angebot und Nachfrage schwanken. Der Geschäftsplan wird direkt von diesen neuen Aspekten beeinflusst, da die Kapitalrentabilität (ROI) sich jetzt schwieriger einschätzen lässt. 

Ein weiterer unumgänglicher Aspekt für Entwickler ist die zunehmende Bedeutung von öffentlichen Ausschreibungsverfahren, die in Frankreich von der Energieregulierungskommission CRE (Commission de régulation de l'énergie) durchgeführt werden. Bislang machten Entwickler von Windkraftanlagen ein Gelände ausfindig, erschlossen darauf ein Projekt, und verkauften dann ihren Strom zu regulierten Einspeisungsvergütungen an die französische Elektrizitätsgesellschaft EDF. Künftig wird der Großteil der Projekte nun im Rahmen staatlicher Ausschreibungen zugewiesen. Dieser Trend steigert die Notwendigkeit, sich zu professionalisieren und regt die Entwickler dazu an, sich zusammenzutun und Größenvorteile zu nutzen.

Ein vierter unumgänglicher Faktor in der Branche für erneuerbare Energien ist schließlich die technologische Entwicklung. Alle Akteure blicken wie gebannt auf die Innovationen der Zukunft, die das Potenzial haben, den Markt in eine neue Dimension zu katapultieren. Hier geht es vor allem um Neuheiten, die die Leistung steigern, Lagerkapazitäten optimieren oder Produktionskosten senken. Nehmen wir Offshore-Windkraft als Beispiel – ein derzeit noch recht unrentables Geschäft. Sobald die Innovationen in diesem Bereich, besonders schwimmende Windkraftanlagen, jedoch ausgereift sind, wird dies erhebliche Auswirkungen auf den Weltmarkt haben. Der französische Markt wird weiterhin als eine Art Eldorado wahrgenommen, da hier noch viel Neuentwicklung ansteht, wogegen Deutschland sich eher in einer Phase der Betriebsverbesserung und -optimierung befindet. Da der deutsche Onshore-Windkraftmarkt gesättigt ist, dürften technologische Offshore-Innovationen den Akteuren somit neue Perspektiven bieten.

 

  • Der aktuelle Rechtsrahmen ist besonders günstig für den Sektor. Können Sie kurz beschreiben, warum?

Der Hauptgrund ist eine Stabilisierung der Gesetzgebung im Bereich erneuerbarer Energien. Jahrelang herrschten in Frankreich relativ instabile Rechtsgrundlagen vor, weil gewisse Regelungen nicht mit dem europäischen Rahmen kompatibel waren. Diese Situation schuf ein instabiles und für Investoren wenig attraktives Klima. Seit Mai dieses Jahres hat sich diese Lage verbessert, da das französische System nun auf europäischer Ebene validiert ist. Der Rechtsrahmen wird sich natürlich noch weiterentwickeln, bietet jedoch schon jetzt gute Aussichten für die Zukunft.

Zweitens gibt es im Bereich erneuerbarer Energien, besonders im Windkraftsektor, zahlreiche Rechtsstreitigkeiten, vor allem in Zusammenhang mit Baugenehmigungen und Belästigung von Anwohnern. Rechtliche Unsicherheiten können somit die Entwicklung von Projekten um Jahre hinauszögern. Im Januar 2017 wurden Vereinfachungen für Windenergieprojekte eingeführt, insbesondere in Form der einmaligen Umweltgenehmigung, bei der die Verfahren für Baugenehmigungen und für genehmigungsbedürftige Anlagen (Installation Classée Pour la Protection de l‘Environnement - ICPE) verschmolzen werden: Fortan ist nur noch ein einziges Antragsdossier mit einem einzigen Ansprechpartner erforderlich. Bei Streitfällen gibt es also keine mehreren parallelen Anträge mit unterschiedlichen Timings und Ergebnissen mehr.

Hinzu kommt, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen angesichts eines zunehmend globalen Sektors zur Vereinheitlichung neigen und so grenzübergreifende Transaktionen für Investoren fördern.

 

  • Die Nutzung sicherer, virtueller Datenräume im Rahmen komplexer Transaktionen greift immer weiter um sich. Warum wird es Ihrer Meinung nach immer wichtiger für die Akteure in diesem Bereich, Dokumentation in einem Datenraum zu speichern?

Windenergieprojekte erfordern eine recht umfangreiche Rechtsdokumentation: behördliche Genehmigungen, unterzeichnete Verträge, eventuelle Rechtsstreitigkeiten. Entwickler, die den guten Entwicklungsstand ihres Projekts bei Investoren hervorheben möchten, wissen, dass der Wert des Projekts und dessen Bewertung untrennbar miteinander verbunden sind. Für Investoren ist es deshalb ausgesprochen wichtig, auf einen virtuellen Datenraum zugreifen zu können, in dem alle entsprechenden Dokumente ganz präzise erfasst sind, denn dies sind die Informationen, die sie benötigen, um eine fundierte Investitionsentscheidung zu treffen. Als Juristen kennen wir die Verordnungen und können schnell einschätzen, ob ein Projekt auf dem richtigen Weg oder potenziell gefährdet ist, zum Beispiel wenn es einen Streitfall gibt, der sich über lange Zeit hinziehen könnte. Wird die Dokumentation mangelhaft präsentiert und nicht entsprechend auf dem Laufenden gehalten, wirkt das nicht gerade beruhigend auf Investoren. Die Nutzung eines Datenraums und die Strukturierung dieser Informationen sind daher ein echter Mehrwert. Wir haben schon häufig feststellen können, dass die Rechtsdokumentation eines Windenergieprojekts ausschlaggebend für dessen Valorisierung ist. Der Sachverhalt ist hier anders als im Immobiliensektor, wo die Lage des Objekts das Erfolgsgeheimnis einer guten Investition ist.
 

Unseren Entwicklermandanten empfehlen wir, die Etappe der gründlichen Investitionsrecherche rechtzeitig vorzubereiten, ohne bis zum letzten Moment zu warten, und möglichst früh auf eine Lifecycle-Strategie bei der Anlagenverwaltung zu setzen, indem sie alle Dokumente in einer Architektur klassifizieren, archivieren und aktualisieren, die auf eine zukünftige Präsentation gegenüber Dritten ausgerichtet ist.

Über Taylor Wessing

Die 2003 in Paris gegründete Wirtschaftskanzlei beschäftigt über 60 Anwälte. Die Kanzlei zeichnet sich durch ihren proaktiven, auf Zukunftsindustrien ausgerichteten Ansatz aus. Die nachfolgenden Links führen Sie zu den jüngsten Publikationen von Olivier Laffitte aus dem Bereich erneuerbare Energien: